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Lügen, Glauben, Unwahrheiten: Lügen als Chiffre der Politik.

Von Christopher Hauss. Politiker lügen. Das ist ein Klischee, das wahrscheinlich so alt ist, wie die Politik selbst. Aber es hat sich etwas geändert, was das Klischee von der Lüge in der Politik in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt: Donald Trump in den USA, die AfD in Deutschland. Durch sie wird aus Klischee Realität. Beide lügen regelmäßig. Und ihre Anhänger stört das überhaupt nicht. Warum ist das so? Müssten nicht die Anhänger zumindest irritiert sein, wenn der Präsident behauptet, dass er in Washington arbeitet, er aber tatsächlich Golf in Florida spielt? Oder wenn eine Partei eine Reisewarnung für Schweden einfach erfindet, weil es so schön in das eigene Programm passt? Bei der Beantwortung dieser Frage spielen religiöse Kulte in Neuguinea, der Club der Lügner und Gift eine Rolle.

Aber von Anfang an:

Lügen sind keine Meinungen. Lügen kann man nur über Fakten. Schon im Privaten ist das ein Problem.

I. Private und poltische Lügen

Wenn meine Frau und ich darüber diskutieren, wohin wir in den Urlaub fahren, spielt auch die Urlaubskasse eine Rolle. Wie viel ist drin? Wie viel können wir ausgeben? Ein Blick auf das Konto schafft da schnell Klarheit, ob es nach Brandenburg oder nach Sardinien gehen kann. Was aber, wenn ich behaupte, es sind nur 500 EUR drin, obwohl ich es 5000 EUR sind und ich es besser weiß, ich also lüge? Der Grund könnte beispielsweise sein, dass ich großer Brandenburg-Fan bin und unbedingt mal wieder in einem See baden will und nicht im Meer. Ich aber lieber über eine Lüge meinen Kopf durchsetzen will als über eine lange Diskussion mit meiner Frau.  Wenn sie keine Kenntnis von den Fakten – also dem Kontostand hat – und somit kein Konsens über wesentliche Fakten bestehen kann, kann nicht diskutiert werden.

Meine Frau wird zurecht böse, wenn sie herausfindet, dass  ich bei der  Urlaubskasse schwindele. Warum aber stört sich nun ein Anhänger von Trump nicht an einer Lüge?

II. Club der Lügner: Belogen werden immer nur die anderen

Eine Erklärung könnte sein, dass ein Anhänger die Lüge gar nicht als eine solche betrachtet. Wenn Trump beispielweise behauptet, er sei von Obama abgehört worden, dann hört der Anhänger ein Augenzwinkern mit. Der Anhänger versteht den Code, in dem mit ihm kommuniziert wird. Er weiß, dass es eine Lüge ist. Aber sie ist nicht gegen ihn selbst gerichtet, sondern gegen alle anderen, die nicht in dem Club der Lügner sind. Auch so spaltet man eine Gesellschaft in „die da“und „wir.“

Wie konnte es aber so weit kommen, dass Lügen hoffähig wurden? Hier spielt ein besonderer religiöser Kult eine Rolle: Der Cargo Cult. Der Cargo Cult entwickelte sich  auf malinesischen Inseln, auf denen im Laufe des zweiten Weltkriegs die amerikanischen Truppen aus der Luft versorgt wurden. Von dieser Versorgung profitierten auch die einheimischen Völker. Diese vermuteten, dass die gute Versorgung der Soldaten auf gute religiöse Kontakte zurückzuführen seien. Deshalb bauten sie Landebahnen aus Stroh, Funkgeräte und Kopfhörer aus Holz, um selbst entsprechende Wohltaten anzuziehen. Hier wird ein Zusammenhang hergestellt, wo keiner ist.

III. Trump ist Mitglied im Reverse Cargo Cult

Jetzt der etwas gewagte Sprung zu Donald Trump. Auch er baut mit einen Lügen eine Landebahn aus Stroh. Allerdings wissen seine Anhänger, dass die Landebahn aus Stroh ist. Sie wissen, dass es Lügen sind und diese nirgendwo hinführen. Das gleiche geschah auch in der ehemaligen Sowjetunion. Auch dort wurde die Bevölkerung über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit belogen. Sie wussten es und die Staatsführung wusste es. Mit diesem Lügenkonstrukt wollte die Staatsführung aber nur eines und zwar zeigen, dass alle anderen auch lügen. Sie bauten gewissermaßen eine Landebahn aus Stroh, von der sie wussten, dass sie nicht funktioniert, nur um zeigen: Sehr her. Unsere funktioniert nicht. Die andere kann auch nicht funktionieren.

Das ist der Reverse Cargo Cult, den der russische Forscher Ilya Kukulin beschrieben hat. Das Ergebnis ist am Ende: Alle lügen. Ich lüge, die Medien und die Blogger lügen, Politiker, die Wirtschaft und die Wissenschaft lügen. Alles ist egal, alles ist ein Spiel.

IV. Das Gift: Ohne Fakten keine Debatte

Wenn dies eine weit verbreitete Grundhaltung wird, wanken die Grundfesten unserer Gesellschaft. Es gibt keine gemeinsamen Fakten und somit keine gemeinsame Diskussionsgrundlage mehr. Wie weit dieses Gift schon wirkt, beobachte ich jeden Tag. Wenn ich beispielsweise mit einem Journalisten über die Pflichten eines Aufsichtsrates diskutiere und zu hören bekomme: Ach, Aufsichtsräte, die unterschreiben doch alles, was man ihnen vorlegt. Oder lese, wie zynisch Professor Christian Kreiß in der Welt einen guten Teil der wissenschaftlichen Studien als industriegesteuert hinstellt (https://www.welt.de/wissenschaft/article162953499/Glyphosat-vergiftet-die-Wissenschaft.html), ohne dass es einen Aufschrei in der wissenschaftlichen Community gibt. Oder die AfD die eine angebliche Reisewarnung für Schweden verbreitet, obwohl es die nie gegeben hat (http://www.rbb-online.de/politik/beitrag/2017/03/afd-berlin-fakenews-schweden-reisewarnung.html).

Es ist die Verantwortung, auch von uns als PR- und Kommunikationsexperten dafür zu sorgen, dass die Fakten stimmen. Dass die Grundlage der Diskussion stimmt. Und das als Lüge zu bezeichnen, was eine Lüge ist, um sie in einer Diskussion dann ignorieren zu können.

Über den Autor

Christopher Hauss ist Leiter PR bei mfm – menschen für medien. Er berät Unternehmen und Verbände bei ihrer strategischen Positionierung und koordiniert ihren öffentlichen Auftritt. Zudem  unterstützt der Jurist Mandanten während rechtlicher Auseinandersetzungen mit Litigation PR.
Chrstopher Hauss hat in Berlin, Paris sowie Stockholm studiert und jahrelang journalistisch gearbeitet, unter anderem für die Neue Westfälische.

An der Hochschule für Oekonomie und Management ist er als Gastdozent für Krisenkommunikation und Litigation PR tätig und ist Trainer der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sowie Dozent für Kommunikation an der Bundesakademie der Öffentlichen Verwaltung (BAKöV).

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